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Gedanken zu Florentina Holzinger - Ophelia's Got Talent & Sancta

  • moritzhanfgarn
  • 27. Mai 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 29. Juni 2025


Bildquelle: Düsseldorfer Schauspielhaus
Bildquelle: Düsseldorfer Schauspielhaus

Das einzige, womit man einen Florentina Holzinger-Abend vergleichen kann, ist eine Super Bowl-Halbzeitshow. Einerseits ist der Bühnentechnik-Bombast ein Spektakel von einer Dimension, das man üblicherweise nur in US-amerikanischen Erzählungen findet, andererseits zielt Holzingers dezidierte Inszenierung des Körpers auf die Rückerlangung eines scheinbar kraftvollen Hebels im Kulturkampf - die Macht der Bilder. Ob queerer Sex an der Stelle eines Kreuzes, an der Jesus ungefähr gehangen haben müsste, die Imitation der 'Erschaffung Adams' von Michelangelo oder die über verschiedene Zeichen etablierte Markierung von Wasser als grundsätzlich weiblich und die damit einhergehende Markierung der Verschmutzung der Meere als patriarchal: Wenn es subversiv wird, dann durch Bilder. Genau diese Strategie der Zeichensetzung finden wir auch bei Kendrick Lamars fulminanter Halbzeitshow des diesjährigen 59. Endspiels der NFL-Playoffs, bei der zu einem Zeitpunkt (unter den Augen von Donald Trump) ein Chor schwarzer Personen so auf einem Podest inszeniert wurde, dass er mithilfe von verschiedenfarbigen T-Shirts der Chormitglieder den Star-Spangled-Banner formte - die USA sind schwarz, so die Botschaft, ihr Imperialismus richtet sich auch nach innen, so die Kritik, all das formuliert aus einem einzigen Standbild dieser wie gewohnt spektakulären Veranstaltung. Was an dieser Stelle sichtbar gemacht wird, ist unentlohnte Arbeit, die im verkürzten Symbol, im schwebenden Signifikanten, der qua seiner Ausgehöhltheit auf alles mögliche verweisen kann, kläglich verendet.

Gemeinsam ist diesen beiden kulturellen Großveranstaltungen also das Abarbeiten an Ikonografien. Mehr als eine Choreografin ist Holzinger eine Ikonografin. Nur, dass die bloße Zeichensetzung Gefahr läuft, keine verbindende Tiefe herzustellen ist genau das, was die beiden Holzinger-Stücke (die ich gesehen habe), Ophelia's Got Talent und Sancta, unterscheidet. Das transgressive Potential der Inszenierung liegt in der hermeneutischen Oberfläche, die das Stück anbietet. Mit Hermeneutik sei hier nicht gemeint, dass wir das Kunstwerk vollständig entschlüsseln können. Im Gegenteil, ich bin großer Liebhaber von Kunstwerken, die in mir eine unbestimmte Sehnsucht hervorrufen. Dafür braucht es aber eine Welt, die sich hinter dem Werk verbirgt, die wir gemeinsam erahnen können und Gegenstand der Hermeneutik ist. In dieser Ahnung wird nach Brechtschem Vorbild die Aufgabenteilung zwischen Publikum und Bühne aufgehoben - Sehnsucht und Spekulation als Eigenanteil der Zuschauer*innen an der Kunstproduktion. Ophelia's Got Talent gelingt diese Welten-Produktion besser als Sancta, denn es ist eine Eigenart der Bilder, die wir hier ja erst mal als Wahrheitsträger identifiziert haben, dass sie, wie die Fotografie uns lehrt, ihre Tiefe gelegentlich daraus generieren, dass Vorder- oder Hintergrund unscharf gehalten werden. Diese Unschärfe, der formalisierte Mythos ist das, was Ophelia's Got Talent Sancta voraus hat - das Unaussprechliche, nicht Identifizierte, auf das wir uns gleichzeitig einigen können. Vielleicht ist nur das Unaussprechliche, das gemeinsam erfahrbar ist, in der Lage die symbolische Ordnung zu unterspülen.

Natürlich ist ein Florentina Holzinger-Abend immer erst mal großartig, in jeder Hinsicht empowernd und man müsste herzlos sein, um ihn zu verreißen. Dass er genau an den gewaltvollsten und explizitesten Stellen auch gleichzeitig am intimsten ist, ist im Kern dionysisch und im besten Sinne des Wortes tragisch. Sowohl als eine Performerin in Ophelia einen Angelhaken durch die Wange gestochen bekommt, als auch in dem Moment, in dem der gleichen Darstellerin in Sancta ein Stück Haut herausoperiert wird, sitzen FLINTAs in einer hinsichtlich des Bühnengeschehens unverhältnismäßig ungezwungenen Atmosphäre beieinander und strahlen eine Sanftheit aus, die nicht nur berührt, sondern eingeübte patriarchale Gewaltvorstellungen auf der Bühne kraftvoll demontiert. In diesem Text möchte ich diesen feinen Unterschied zwischen den beiden Stücken nur deshalb herstellen, weil ich ihn interessant finde, wenn es darum geht, wie Zeichensetzung als Widerstand in einer revolutionären Ästhetik am effektivsten ist. Das ist wichtig, weil Protest in Zeiten der Macht der Bilder nicht länger ohne Zeichensetzungen auskommt. Man kann Florentina Holzinger und der ganzen Welt nur wünschen, dass ihre Stücke in Zukunft ähnlich viele Zuschauer*innen haben werden wie der Super-Bowl.

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